Cannabis-Legalisierung: Warum steigender Konsum kein Grund für ein Verbot ist
Der Arzt Jeffrey A. Singer warnt in einem Gastbeitrag vor übereilten Rückschlüssen aus gestiegenen Cannabiskonsum-Zahlen und plädiert für Aufklärung statt Prohibition – gestützt auf Erfahrungen aus Kanada und historische Parallelen zur Alkohollegalisierun

Der Mediziner und leitende Wissenschaftler am Cato Institute, Jeffrey A. Singer, hat in einem Meinungsbeitrag auf Marijuana Moment davor gewarnt, aus den aktuellen Berichten über zunehmenden problematischen Cannabiskonsum voreilige Konsequenzen zu ziehen. Singer, der in Phoenix, Arizona, als Chirurg tätig ist, nimmt die Erkenntnisse durchaus ernst, spricht sich jedoch dagegen aus, im Rahmen des „Krieges gegen Drogen“ erneut eine moralische Hysterie zu entfachen.
Dass der Cannabiskonsum zunehme, sei keineswegs verwunderlich, so Singer. Immer mehr US-Bundesstaaten erlauben den Konsum für volljährige Personen. Wenn eine weit verbreitete Substanz vom Schwarzmarkt auf den regulären Markt übergehe, würden manche Menschen, die zuvor darauf verzichtet haben, sie testen. Gelegentliche Nutzer griffen häufiger dazu, und die Bereitschaft, den Konsum offen zuzugeben, steige.
Lehren aus der Alkoholprohibition
Singer zieht einen geschichtlichen Vergleich zur Abschaffung des Alkoholverbots in den Vereinigten Staaten im Jahr 1933. Der Alkoholkonsum normalisierte sich damals nicht umgehend, sondern nahm in den darauffolgenden Jahrzehnten deutlich zu, erreichte um 1981 seinen Höchststand und fiel dann über mehr als zehn Jahre hinweg. Heute befinde sich der Anteil der Amerikaner, die Alkohol konsumieren, auf dem niedrigsten Niveau seit Beginn der Gallup-Umfragen im Jahr 1939.
In jener Periode hätten die Menschen gelernt, mit legalem Alkohol umzugehen. Kenntnisse, Gewohnheiten und gesellschaftliche Standards im Hinblick auf den verantwortungsbewussten Umgang hätten sich herausgebildet. Die Bevölkerung lernte, zwischen Trinken und Trunkenheit zu differenzieren, und entwickelte eine klare Ablehnung von Alkohol am Steuer sowie am Arbeitsplatz. Keine dieser Normen habe die Schlussfolgerung erfordert, dass Erwachsene keinen Alkohol konsumieren dürften, nur weil Alkohol Abhängigkeit, Krankheiten, Unfälle und Todesfälle verursachen kann.
Kanada als reales Experiment
Cannabis durchlaufe womöglich eine ähnliche Anpassungsphase, argumentiert Singer. Während der Konsum gesellschaftsfähig werde, könnten Verbraucher mehr über Dosierung, Wirkstoffgehalt, Nutzungsfrequenz, Beeinträchtigung und ihre persönlichen Reaktionen erfahren. Soziale Normen für den verantwortungsbewussten Gebrauch könnten sich etablieren.
Als Nachweis führt Singer die kanadischen Erfahrungen an. Kanada legalisierte den Cannabis-Konsum landesweit 2018, was Forschern ein außergewöhnlich wertvolles natürliches Experiment bot. Eine Langzeitstudie begleitete 1.428 Erwachsene in Ontario von unmittelbar vor der Legalisierung bis fünf Jahre danach. Insgesamt stieg die Nutzungshäufigkeit von Cannabis leicht an, doch die Werte für missbräuchlichen Cannabiskonsum sanken geringfügig.
Besonders bemerkenswert: Personen, die vor der Legalisierung regelmäßig Cannabis konsumierten, verzeichneten die stärksten Rückgänge sowohl beim Konsum als auch beim Missbrauch. Die Studienautoren weisen zwar darauf hin, dass Faktoren wie das natürliche Herauswachsen aus problematischen Konsummustern mit zunehmendem Alter die Ergebnisse teilweise erklären könnten. Dennoch sollte die kanadische Erfahrung laut Singer davor bewahren, anzunehmen, dass ein anfänglicher Konsumanstieg zwangsläufig zu einer kontinuierlich steigenden problematischen Nutzung führe.
Risiken eingestehen, ohne zu verbieten
Singer gesteht ein, dass Cannabis nicht ungefährlich ist. Regelmäßiger Konsum könne für bestimmte Menschen problematisch werden. Produkte mit hohem Wirkstoffgehalt verdienten besondere Aufmerksamkeit, ebenso wie die Gefahren für Jugendliche und für Personen, die anfällig für psychotische Störungen sind. Er spricht sich für ehrliche Aufklärung über diese Risiken und dafür aus, vom Autofahren unter Cannabiseinfluss abzuraten.
Doch das Eingeständnis dieser Gefahren rechtfertige kein Verbot des Cannabiskonsums für Erwachsene. Die Prohibition berge eigene Risiken: Sie dränge Konsumenten in illegale Märkte, wo Produkte unklare Wirkstoffgehalte und Inhaltsstoffe aufweisen können. Sie setze ansonsten friedliche Menschen der Gefahr von Verhaftungen und strafrechtlichen Konsequenzen aus. Und indem sie ein vielschichtiges Thema auf die simple Botschaft „Nehmt keine Drogen“ verkürze, könne die Prohibition die Entstehung von Wissen und gesellschaftlichen Normen behindern.
Fazit: Information statt Verbote
Singer plädiert für einen abgestuften Ansatz: Wissenschaftler sollten die Konsummuster weiterhin beobachten und ermitteln, welche Nutzungsformen und Produkte die höchsten Risiken aufweisen. Gesundheitsbehörden könnten Erwachsenen präzise Informationen bereitstellen, ohne die Gefahren zu überzeichnen. Gesetze sollten Verkäufe an Minderjährige und das Führen von Fahrzeugen unter Einfluss untersagen.
„Eine freie Gesellschaft sollte in der Lage sein, mit potenziell gefährlichen Substanzen zu leben, ohne dass der Staat sie verbietet“, schließt Singer. Erwachsene träfen tagtäglich Entscheidungen, die Risiken bergen – bei Alkohol, Tabak oder riskanten Sportarten. Ihre Eigenverantwortung zu respektieren, erfordere nicht die Behauptung, diese Entscheidungen seien ungefährlich, sondern gute Informationen und die Möglichkeit, Risiken und Vorteile selbstständig abzuwägen.
