Cannabis in der Stillzeit: Muttermilch-Studie zeigt Datenlücken auf
Eine neue Übersichtsarbeit zeigt, dass die Studienlage zu Cannabiskonsum in der Stillzeit dünn ist und soziale sowie ernährungsbedingte Faktoren eine wichtige Rolle spielen könnten. Für Cannabis-Anleger bleibt die Branche damit weiterhin mit regulatorisch

Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit beleuchtet die Verbindung zwischen Cannabiskonsum während der Stillzeit und der Beschaffenheit der Muttermilch aus neuer Perspektive. Die im Journal of Human Lactation publizierte narrative Übersicht gelangt zu dem Befund, dass die Datenlage spärlich und widersprüchlich ist – zudem könnten soziale und ernährungsbedingte Umstände eine wesentliche Rolle spielen.
Rund 182 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren konsumieren global Cannabis zu Freizeitzwecken. In Nordamerika verzeichnet man einen Zuwachs an Konsumentinnen im gebärfähigen Alter. In Kanada hatten 2017 bereits 47,6 Prozent der 15- bis 44-jährigen Frauen angegeben, mindestens einmal Cannabis genutzt zu haben.
Lediglich zwei Studien am Menschen vorhanden
Die Verfasser der Übersichtsarbeit, Moshtagh, Galan und Shea, stellten fest, dass gegenwärtig nur zwei Humanstudien existieren, die den Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und den Nährstoff- sowie Immunbestandteilen der Muttermilch direkt untersuchen. Die Resultate fallen uneinheitlich aus und gestatten keine eindeutigen Schlussfolgerungen.
Der psychoaktive Wirkstoff von Cannabis, Delta-9-Tetrahydrocannabinol (Δ9-THC), ließ sich in der Muttermilch in Konzentrationen nachweisen, die etwa achtmal höher liegen als im mütterlichen Blutplasma. Nach der letzten Anwendung kann er sechs Tage bis sechs Wochen in der Muttermilch aufgespürt werden, wobei die Werte je nach Konsumhäufigkeit schwanken.
Abweichungen bei Fett, Eiweiß und Immunfaktoren
Die vorliegenden Hinweise deuten darauf hin, dass der Cannabiskonsum mit Veränderungen der Fett-, Protein- und Immunbestandteile der Muttermilch einhergehen könnte. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem sekretorischen Immunglobulin A (SIgA), der wichtigsten passiven Schleimhautabwehr bei Säuglingen.
Bei den Kohlenhydraten ermittelten die Untersuchungen keinen signifikanten Gesamtunterschied zwischen Konsumentinnen und Nicht-Konsumentinnen. Allerdings zeigte eine Studie, dass die 11-OH-THC-Werte umgekehrt mit den Kohlenhydratkonzentrationen korrelierten. Frauen, die sowohl Cannabis als auch Nikotin konsumierten, wiesen zudem niedrigere Gesamtkohlenhydratwerte auf.
Die Belege für eine Verbindung mit den Fettgehalten sind widersprüchlich: Eine Studie fand keine signifikante Assoziation, eine andere dokumentierte eine Fettreduktion um 11 Prozent. Eine dauerhafte Verringerung des Gesamtfetts könnte das Angebot an für die neurokognitive Entwicklung wichtigen Lipiden schmälern.
Proteinwerte uneinheitlich
Bei den Proteinwerten divergierten die Resultate der beiden Studien. Eine kleine Untersuchung ergab keinen allgemeinen Unterschied im rohen oder wahren Protein zwischen Konsumentinnen und Nicht-Konsumentinnen. Eine größere Studie berichtete hingegen von höheren Caseinkonzentrationen in Muttermilchproben, die Cannabinoide enthielten – selbst nach Bereinigung um mehrere mütterliche und sozioökonomische Faktoren.
Die Autoren weisen darauf hin, dass pränataler Cannabiskonsum mit einer höheren Rate an Frühgeburten assoziiert ist. Höhere Proteingehalte in der Muttermilch könnten für Frühgeborene aufgrund ihres erhöhten Proteinbedarfs vorteilhaft sein. Die klinische Relevanz der beobachteten Proteinunterschiede bleibt jedoch unklar.
Immunologische Veränderungen und ungeklärte Fragen
In der kleineren Studie waren die SIgA-Spiegel in Verbindung mit Cannabiskonsum niedriger und standen in umgekehrtem Verhältnis zu den Konzentrationen des Cannabinoids 11-OH-THC in der Muttermilch. Dies deutet auf eine mögliche Dosis-Wirkungs-Beziehung hin. Verminderte SIgA-Werte könnten eine erhöhte Infektionsanfälligkeit zur Folge haben – in einem Zeitraum, in dem das Immunsystem des Säuglings noch nicht vollständig ausgereift ist.
Die Autoren betonen jedoch, dass die vorliegenden Studien nicht direkt geprüft haben, ob die mit Cannabis assoziierten Unterschiede bei den SIgA-Werten tatsächlich zu mehr Infektionen beim Säugling führten.
Soziale Faktoren als Störgrößen
Ein zentrales Problem der Forschung ist die Vermischung von Cannabiskonsum mit sozialen Benachteiligungen. Cannabiskonsum während Schwangerschaft und Stillzeit wird häufiger von Frauen berichtet, die von niedrigem Einkommen, geringerer Bildung und jüngerem Alter betroffen sind. Diese strukturellen Gegebenheiten können Ernährungsunsicherheit, Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln, medizinische Versorgung und die allgemeine Gesundheit unabhängig voneinander beeinflussen.
Bemerkenswerterweise berücksichtigte keine der beiden Studien die Trauma-Anamnese, Gewalt durch den Intimpartner oder breitere psychologische Belastungen, die bekanntermaßen mit Cannabiskonsum rund um den Geburtszeitraum verbunden sind. Diese Faktoren hängen mit Stress zusammen, der die Muttermilchzusammensetzung durch immunologische und metabolische Veränderungen beeinflussen kann.
Schlussfolgerung der Autoren
Die Übersichtsarbeit kommt nicht zu dem Ergebnis, dass eine Cannabinoid-Exposition unbedenklich ist. Die Autoren argumentieren jedoch, dass die aktuellen Belege nicht eindeutig belegen, dass das Abstillen bessere Resultate für den Säugling bringt als das fortgesetzte Stillen trotz Cannabinoid-Exposition. Sie fordern weitere Forschung, um Daten zu generieren, die Leitlinien zur Schadensminimierung untermauern.
Die Autoren unterstreichen die Notwendigkeit, sozioökonomische Indikatoren, Messgrößen zur Ernährungsunsicherheit und Ernährungsbewertungen in künftige Studien einzubeziehen. Nur auf diese Weise könne man die tatsächlichen Ursachen für Veränderungen der Muttermilchzusammensetzung identifizieren – und ob diese tatsächlich auf Cannabis oder auf begleitende soziale und ernährungsbedingte Faktoren zurückgehen.
