US-Veteranenbehörde unter Druck: Cannabis-Diagnosen ohne gründliche Prüfung
Neu veröffentlichte VA-Akten zeigen: Die Diagnose "Cannabisgebrauchsstörung" wird bei US-Veteranen oft ohne klinische Prüfung vergeben – selbst bei legalem medizinischem Konsum. Kritiker fordern eine strengere Anwendung der DSM-5-Kriterien.

Die Veterans Health Administration (VHA) gerät zunehmend unter Beschuss. Neu zugänglich gemachte Dokumente, die der Veterans Action Council (VAC) über ein Informationsfreiheitsgesetz (FOIA) erhielt, lassen Zweifel an der Vergabe der Diagnose „Cannabisgebrauchsstörung“ (CUD) aufkommen. Kritisiert wird, dass diese Einstufung häufig ohne gründliche klinische Abklärung erfolgt – selbst dann, wenn Militärveteranen Cannabis legal zu therapeutischen Zwecken verwenden.
Auslöser der Debatte ist die Einführung des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) im Jahr 2013. Die American Psychiatric Association (APA) führte damals die CUD als neuartige, einheitliche Diagnose ein, welche die früheren Unterscheidungen zwischen „Cannabismissbrauch“ und „Cannabisabhängigkeit“ ablöste. Das Vorhaben diente der Modernisierung der psychiatrischen Einordnung. Allerdings hatte die Zusammenführung erhebliche Konsequenzen: Der diagnostische Rahmen wurde ausgeweitet, sodass mehr Personen darunterfallen können als zuvor.
Ausweitung der Diagnosekriterien und administrative Gewohnheiten
Die CUD wird als ein Konsummuster von Cannabis beschrieben, das klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen hervorruft. Zur Bewertung kommen Kriterien wie mangelnde Kontrolle, starkes Verlangen oder die Entwicklung von Toleranz zum Einsatz. Allerdings beanstanden Kritiker, dass die Diagnose innerhalb der VHA oft nicht auf einer fundierten klinischen Untersuchung beruht. Stattdessen existieren Hinweise, dass ein positiver THC-Nachweis aus einem Routine-Screening unmittelbar zur Vergabe der CUD-Diagnose führt – ohne ausführliche ärztliche Konsultation.
„Bisweilen werden Diagnosen in den Patientenakten vermerkt, ohne dass … der medizinisch genehmigte Cannabiskonsum einer sorgfältigen Überprüfung unterzogen wird“, schreibt Etienne Fontan vom Veterans Action Council in einem Gastkommentar. Fontan, selbst US-Heeresveteran des Wüstensturm-Einsatzes und Mitinhaber einer der traditionsreichsten medizinischen Cannabis-Apotheken des Landes, spricht aus eigener Erfahrung.
Die FOIA-Unterlagen enthalten präzise Zahlen: Für das Jahr 2022 registrierte die VA 134.790 Veteranen mit cannabispositiven Urintests. Zeitgleich wurde bei 139.336 Veteranen eine CUD festgestellt. Diese eng beieinanderliegenden Werte legen die Vermutung nahe, dass die Diagnose allzu häufig allein auf Laborbefunde gestützt wird.
Forschungsergebnisse zeigen deutliche Abweichung
Die Dokumente verweisen außerdem auf Daten der National Epidemiologic Survey on Alcohol and Related Conditions (NESARC-III). Demnach konsumierten 7,3 Prozent der US-Veteranen im letzten Jahr Cannabis, jedoch erfüllten lediglich 1,8 Prozent die DSM-Kriterien für eine CUD. Dies bedeutet: Nur ein Bruchteil der Nutzer überschreitet die diagnostische Grenze. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit individueller klinischer Bewertungen statt einer automatischen Diagnose auf Grundlage eines positiven Testergebnisses.
Aus den FOIA-Akten hervorgehende interne E-Mails belegen, dass VA-Verantwortliche die Tragweite des Themas durchaus verstanden. Bruce I. Friedland, Leiter der Media Branch der VA Office of Research and Development, sprach davon, „eine Nadel zu stemmen“ zwischen der Behandlung echter cannabisbezogener Störungen und der Förderung von Forschung zu Cannabis als potenziellem Therapeutikum. In einer weiteren Nachricht suchte Friedland nach Orientierung, da der VA Mittel für Veteranen fehlten, die meinten, eine Abhängigkeit von Cannabis entwickelt zu haben.
Mangelnde Arzt-Patienten-Kommunikation
Besonders brisant: Nahezu ein Drittel der geprüften Patientenakten enthielt keine dokumentierte Erörterung des Cannabiskonsums zwischen Arzt und Patient. In jenen Fällen, in denen ein Gespräch stattfand, drehte sich fast die Hälfte um medizinischen Cannabiskonsum – nicht um Gefahren oder Schadensminimierung. Das FOIA-Material beinhaltet auch die Empfehlung von Dr. Salomeh Keyhani von der University of California, San Francisco (UCSF). Sie rät, dass durch Urintests identifizierte Veteranen individuell auf besonders riskanten Konsum hin bewertet werden sollten – entsprechend der DSM-5-Vorgabe einer umfassenden klinischen Beurteilung.
Das Problem hat eine zusätzliche Brisanz: Auf Bundesebene ist Cannabis in den USA weiterhin illegal, während es in vielen Bundesstaaten für medizinische Anwendungen zugelassen ist. Zahlreiche Veteranen nutzen es als Ersatz für Opioide oder andere Arzneimittel. Der DSM-5-Rahmen unterscheidet jedoch nicht ausdrücklich zwischen therapeutischem und problematischem Cannabiskonsum. Dadurch können Patienten, die Cannabis ärztlich überwacht zur Symptomkontrolle verwenden, in ein diagnostisches Raster fallen, das ursprünglich zur Erkennung psychischer Störungen konzipiert wurde.
Appell zur strengeren Handhabung der Kriterien
Für die betroffenen Veteranen können fehlerhafte Diagnosen schwerwiegende Konsequenzen haben: Sie beeinflussen Therapieentscheidungen, Einschätzungen zur Erwerbsunfähigkeit und das Vertrauen in die eigene Krankenakte. Der Veterans Action Council fordert deshalb eine konsequente Anwendung der DSM-5-Kriterien, die informierte Einbeziehung der Patienten sowie die regelmäßige Überprüfung institutioneller Abläufe.
„Eine Diagnose sollte in erster Linie dem Patienten dienen, indem sie die Behandlung lenkt und die klinische Wirklichkeit akkurat abbildet“, unterstreicht Fontan. Der Wert des DSM-5 hänge nicht allein davon ab, wie seine Kriterien formuliert seien, sondern davon, wie gewissenhaft sie umgesetzt würden.
